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Perspektivwechsel

Der russische ?berfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat die Welt ver?ndert. Das Osteuropa-Institut der Freien Universit?t richtet sich strategisch neu aus: Es blickt nach Südosteuropa, in den Kaukasus und nach Zentralasien

15.02.2024

Durch den Krieg in der Ukraine konzentriert sich auch die Politik st?rker auf die ehemaligen sowjetischen Republiken. Das Bild zeigt Au?enministerin Annalena Baerbock im M?rz 2023 an der Verwaltungslinie zu Südossetien.

Durch den Krieg in der Ukraine konzentriert sich auch die Politik st?rker auf die ehemaligen sowjetischen Republiken. Das Bild zeigt Au?enministerin Annalena Baerbock im M?rz 2023 an der Verwaltungslinie zu Südossetien.
Bildquelle: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Fünf Jahre lang hatte Katharina Bluhm an ihrem neuen Buch gearbeitet. In einer gro?angelegten Spurensuche beleuchtete sie den Weg Russlands seit den 1990er Jahren zur revisionistischen Macht der bestehenden Weltordnung. Im Fokus stehen dabei innenpolitische Dynamiken: Das Wechselspiel zwischen der zunehmenden Ideologisierung des Putin-Regimes und illiberal-konservativen Kr?ften in der russischen Gesellschaft. Dann, wenige Wochen vor Abgabe des Manuskripts, kommt der Krieg, am 24. Februar 2022 überf?llt Russland die Ukraine. ?Die Welt ist durch den Krieg eine andere geworden“, sagt Bluhm, Professorin für Soziologie am Osteuropa-Institut der Freien Universit?t. ?Das hat natürlich auch mein Buch noch einmal ver?ndert.“

Katharina Bluhm kann auf der Basis ihrer langj?hrigen Recherchen den schleichenden Prozess nachzeichnen, der schlie?lich in den Krieg führt. ?Es ist ein Prozess, der nicht erst mit Putins dritter Amtszeit 2012 beginnt, sich aber ab da immer weiter versch?rft und radikalisiert“, sagt sie. ?Die Ukraine ist ein Schlachtfeld, auf dem lange schwelende Konflikte offen ausgetragen werden.“ Gleichwohl sei der Kriegsausbruch ein Schock für sie gewesen. ?Für uns alle am Osteuropa-Institut war der 24. Februar eine Z?sur.“

Selbstverst?ndnis überdenken

Der russische Angriff auf die Ukraine hat unfassbares Leid über Millionen von Menschen gebracht und langgeglaubte Sicherheiten nachhaltig erschüttert. Nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch in der Wissenschaft. Für das Osteuropa-Institut der Freien Universit?t bedeutete das eine strategische Neuausrichtung. ?Als der Krieg ausgebrochen ist, haben wir sofort reagiert“, sagt Robert Kindler, Professor für die Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas. ?Uns war zun?chst wichtig, dass wir ein gemeinsames, solidarisches Signal nach au?en senden – und gleichzeitig nach innen dem Pr?sidium als kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung stehen.“

竞彩足球app mit der Universit?tsleitung werden damals in kurzer Zeit Hilfsprogramme eingerichtet: kurzfristige Stipendien, die bedrohten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Ukraine sowie aus Russland und Belarus erm?glichen, weiterhin Forschung zu betreiben – wahlweise in Berlin oder aus der Ferne. Zus?tzlich engagieren sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts, ebenso wie Studierende ehrenamtlich. Als im Frühjahr 2022 Tausende von ukrainischen Geflüchteten am Berliner Hauptbahnhof eintreffen, übersetzen sie aus dem Ukrainischen und Russischen, geben Auskünfte und vermitteln Hilfe. ?Nach dieser akuten Phase mussten wir darüber nachdenken, was der Krieg langfristig bedeutet“, sagt Robert Kindler. ?Für Osteuropa, für die Osteuropa-Studien als wissenschaftliches Fach und für die konkrete Arbeit an unserem Institut.“

Der russische ?berfall auf die Ukraine habe auch die Osteuropastudien dazu gezwungen, ihr Selbstverst?ndnis zu überdenken, sagt Susanne Str?tling, Professorin für Literaturwissenschaft. ?Unsere Arbeit ist immer transnational gepr?gt gewesen, mit Blick auf den gesamten osteurop?ischen Kulturraum. Trotzdem bildete Russland dabei oft den bevorzugten Referenzrahmen. Es galt als Zentrum und die anderen L?nder als Peripherie – sie gerieten nur am Rande in den Blick.“

Nun setze man sich kritisch damit auseinander, inwieweit die Osteuropastudien diese Hierarchie reproduziert h?tten. ?Immer wieder wird an das Fach die Forderung nach seiner Dekolonialisierung, also nach einer Reflexion seiner kolonialisierenden Wissenschaftstraditionen, herangetragen.“ Dabei sei nicht immer klar, wie diese Dekolonialisierung verlaufen k?nnte und was damit eigentlich gemeint sei. Es bedürfe einer st?rkeren Sensibilisierung für die Machtverh?ltnisse, die sich im Wissen des Fachs abbildeten, und die Forschungsgegenst?nde ebenso pr?gten wie Theorien und Methoden. ?Wir haben etwa jahrzehntelang ganz selbstverst?ndlich vom ?postsowjetischen Raum‘ gesprochen“, sagt Susanne Str?tling. ?Heute müssen wir fragen, ob wir mit solchen Begriffen nicht den L?ndern der Region ein Stück ihrer eigenen Geschichte absprechen und sie nur über ihre ehemalige Zugeh?rigkeit zum sowjetischen Imperium definieren.“

Delegierte des Osteuropa-Instituts an der Nazarbayev Universit?t in Astana (v. l. n. r.): Robert Kindler, Tobias Stüdemann, Susanne Str?tling, Theocharis Grigoriadis, Clemens Günther und Ruslana Bovhyria

Delegierte des Osteuropa-Instituts an der Nazarbayev Universit?t in Astana (v. l. n. r.): Robert Kindler, Tobias Stüdemann, Susanne Str?tling, Theocharis Grigoriadis, Clemens Günther und Ruslana Bovhyria
Bildquelle: privat

Programme wurden gestoppt

Viele Jahre lag der strategische Fokus des Osteuropa-Instituts auf der Russlandforschung. Das Institut pflegte einen engen, erfolgreichen Kontakt mit vielen renommierten Forschungseinrichtungen im Land. Es gab gemeinsame Forschungsprojekte, Austauschprogramme, M?glichkeiten für deutsch-russische Doppelabschlüsse. Alles auch unterstützt durch das Verbindungsbüro der Freien Universit?t in Moskau. Mit Kriegsbeginn wurden alle Programme auf Eis gelegt. Das Verbindungsbüro schloss und ist seit Oktober 2022 im georgischen Tbilissi angesiedelt.

?Dieser Schritt wurde sowohl durch die EU-Sanktionen als auch durch eine immer st?rkere Einschr?nkung der Wissenschaftsfreiheit in Russland unausweichlich. Zugleich wollten wir auch nicht weitermachen wie bisher“, sagt Robert Kindler. ?Wir haben uns daher zu einer strategischen Neuausrichtung des Instituts mit einem Schwerpunkt auf regionale Diversifizierung entschieden.“

Neue Partnerschaften

Derzeit baut das Institut Kooperationsprogramme mit Universit?ten in der Ukraine, in Georgien, Usbekistan und Kasachstan auf und aus. Zudem ist der neue Masterstudiengang ?Economic System“ in Kooperation mit der Universit?t Belgrad entstanden, initiiert von Theocharis Grigoriadis, Professor für Volkswirtschaftslehre am Osteuropa-Institut.?Neben dem Bachelor-Begleitstudiengang ?Deutschland und Europa im Südkaukasus“, einem vom Deutschen Akademischen Austauschdienst gef?rderten Studiengang an der Staatlichen Universit?t Tbilissi in Georgien, der seit Herbst 2023 l?uft, ist dies schon das zweite neue Projekt.

Im Januar haben Theocharis Grigoriadis, Susanne Str?tling und Robert Kindler gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen des Osteuropa-Instituts eine Reise nach Kasachstan unternommen, die von Tobias Stüdemann, dem Leiter des Verbindungsbüros in Tbilissi, organisiert wurde. ?Wir erleben derzeit, wie in ganz vielen L?ndern der Region ein neues kulturelles Selbstverst?ndnis entsteht“, sagt Susanne Str?tling. ?Diesen Prozess werden wir als Institut eng begleiten.“ Der Krieg wirke nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Südosteuropa, im Kaukasus und in Zentralasien als Katalysator für neue politische Entwicklungen. ?Es ist ein multiethnischer Raum, der sich gerade neu sortiert“, sagt Robert Kindler. ?Es kommt zu einer Neubewertung der eigenen Geschichte und des politischen Verh?ltnisses zu Russland.“

Russlandforschung ?ndert sich

Gleichzeitig arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daran, die Russlandforschung neu aufzustellen. ?Wir dürfen in dieser schwierigen politischen Lage den Kontakt und den analytischen Blick auf das Land nicht verlieren“, sagt Katharina Bluhm. Wie schwer sich die Forschungsarbeit gestaltet, spürt sie als Sozialwissenschaftlerin schon seit 2014. Sie ist darauf angewiesen, vor Ort Daten erheben und forschen zu k?nnen. ?Empirische Forschung in Russland zu betreiben, ist für uns heute kaum mehr m?glich“, sagt sie. ?Wir k?nnen keine Interviews mehr führen und auch niemanden vor Ort für die Datenerhebung beauftragen. Selbst Archivreisen sind schwierig geworden.“

Nun gelte es, die Informationen auf anderem Wege zu beschaffen. ?Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben“, sagt sie. ?Im Internet sind nach wie vor Reden, Dekrete und ?ffentliche Debatten zug?nglich, man kann soziale Medien analysieren, den Zugang über die Diaspora suchen sowie die Forschung und Datenerhebung im Land verfolgen, die ja durchaus, wenn auch eingeschr?nkt, m?glich ist.“ Insgesamt zeichne sich die Entwicklung ab, Forschung künftig über statt mit Russland zu betreiben, sagt Robert Kindler. Das Institut stehe vor einer doppelten Herausforderung: ?Wir müssen uns regional weiter ?ffnen und neue R?ume wissenschaftlich erschlie?en. Gleichzeitig müssen wir verhindern, dass Russland für den Westen eine Blackbox wird.“